Keiner will etwas Böses

Der Dämon im Schulsystem

Da wohnt ein Dämon in den Tiefen des Schulsystems. Ins Fundament hat er sich eingeschlichen und das, was eigentlich als Palast geplant war, zu einem Gefängnis werden lassen. Schon in die Vision und den Bauplan der Schule, hat er heimlich einen Fehler eingebaut und so hat sich der Fluch dieses Dämons in alle Details, vom Fundament bis zum Dach, vom Lehrplan bis zum Schulgesetz, vom Stundenplan bis zur Schulbehörde und von den Köpfen der Schüler bis in die Herzen der Lehrer verbreitet und jedes einzelne Element so verfälscht und vergiftet, dass es seinem ursprünglichen Anliegen zuwiderläuft. Gleichzeitig hat er diesen Fehler so gut versteckt, dass er lange Zeit verborgen blieb und erst langsam, dann aber immer unabwendbarer seine Auswirkungen zeigte. Darum ist aber inzwischen der eigentliche Fehler kaum mehr zu erkennen und alle Versuche die Folgen des Fluchs zu bekämpfen, bleiben nur hilflose Bemühungen an der Oberfläche, während tief in den Fundamenten der Dämon lacht.

Heute zeigen sich die Folgen dieses Fluchs in unübersehbarer Deutlichkeit. Denn trotz der zunehmenden Anstrengungen von Lehrern, Eltern, Schülern oder Schulministern scheinen all diese Bemühungen wirkungslos zu bleiben oder sich ins Gegenteil zu verkehren. Doch da wir mitten im Geschehen stecken und all dies so selbstverständlich geworden ist, fallen uns die schrecklichen und teilweise absurd anmutenden Folgen des Fluchs oft gar nicht mehr richtig auf. Was wir kennen, ist das dumpfe Gefühl, dass Schule keinen Spaß macht und vielleicht die Frage, warum Schüler die Hand heben müssen, um etwas zu sagen. Aber wenn wir dann genauer hinschauen, fallen uns mehr und mehr Widersprüchlichkeiten auf und wir fragen, was das mit den 45-Minutentakt, den Fächern oder den Noten soll? Schließlich treten wir drei Schritte zurück und sehen ein Schauspiel, dass so absurd wirkt, dass wir lachen möchten, bevor wir zu weinen beginnen.

Denn wir sehen, dass Schüler zehn bis dreizehn Jahre lang den größten Teil des Tages in eine Schule gehen und dass aber der Größte und immer größer werdende Teil all dessen, was sie dort mit viel Mühe und oft unter Stress lernen, für die Schüler und deren weiteres Leben völlig ohne Bedeutung ist. Es ist, als würden wir Eichhörnchen dazu zwingen Steine statt Nüsse zu sammeln. Und während es sich beim Sammeln, Transportieren und Verbuddeln der schweren Steine die Zähne kaputt macht, die kleinen Pfoten blutig schrammt und den Rücken verbiegt, muss es, wenn der Winter kommt und es einen großes Vorrat an Steinlagern angelegt hat, feststellen, dass die Steine gar nicht essbar sind. Kein Wunder, dass die Meisten der Eichhörnchen schon ganz bald fast alle Orte ihrer Steinvorräte vollständig vergessen haben, während einige wenige bei jeder Gelegenheit ihre Steinlager ausbuddeln, um damit zu prahlen, wie viele, wenn auch nutzlose, Steine sie gesammelt haben.

Wir gehen einen weiteren Schritt zurück und sehen all die großen Herausforderungen, vor denen wir als Menschen gerade stehen und stellen erschreckend fest, das diese, trotz der immer neuen Lehrpläne, fast überhaupt nicht und wenn, dann nur rein gedanklich, in der Schule berührt werden. Dass wir in der Schule weiterhin so tun, als ob wir einfach so weitermachen könnten wie bisher und damit den Schülern genau jene Ablenkungshaltung vorleben, die eine Neuausrichtung auf eine lebenswerte Zukunft so schwierig macht. Dann sehen wir, dass die Schule in keinster Weise eine Brücke in die Zukunft ist, die die Schüler darauf vorbereitet eine wundervolle Zukunft zu gestalten, sondern bestenfalls eine Brücke in die Vergangenheit und schlimmstenfalls eine Brücke in den Abgrund baut.

Als wir dies erschrocken zur Kenntnis genommen haben, gehen wir einen weiteren Schritt zurück und stellen erstaunt fest, dass das ganze System der Schule im krassen Gegensatz zu den Werten steht, die wir eigentlich vermitteln wollen. Dass wir den Wert der Demokratie aufzeigen wollen, aber die Schule so hierachisch aufgebaut ist, wie das Kaiserreich in der sie entstanden ist. Dass wir Kreativität fördern wollen, die Lösungen in der Schule aber immer schon feststehen. Dass wir uns selbstbestimmte Menschen wünschen, aber in der Schule alles fremdbestimmt ist. Und dass wir Kooperation wollen, dass aber in der Schule alles auf Konkurrenz und Vergleich ausgerichtet ist und niemand bei den Prüfungen zusammenarbeiten darf.

Schließlich treten wir noch einen letzten Schritt zurück, betrachten das ganze Schulsystem und wie die Schüler dort hindurchgehen und müssen uns kopfschüttelnd und tief traurig eingestehen, dass bei all den Bemühungen der Lehrer, dem Stress der Schülern, der Unterstützung durch die Eltern und den Reformversuchen der Minister, inmitten von Lehrplänen, wichtigen oder unwichtigen Inhalten, Hausaufgaben,Übungen, Prüfungen, Büchern, Exkursionen, Gruppenarbeit und Methoden, trotzdem all das, was wirklich Wesentlich ist, nicht gelernt wird, sondern sogar verlernt wird: Die Gestaltungslust, die Entdeckerfreude, das Selbstvertrauen, das Weltvertrauen, die Selbstverantwortlichkeit, der Gemeinschaftssinn, die Liebesfähigkeit, die unmittelbare Echtheit, der spontane lebendige Ausdruck, die Selbstakzeptanz und schließlich sogar die Freude am Lernen. Und so bemerken wir, wie schrecklich der Fluch des Dämons war, weil er nämlich bewirkt, dass während dem Lernen, die Grundlage dafür, nämlich die Freude daran, zerstört wird.

Und während wir das ganze verquere Gebäude des Schulsystems so betrachten, da entdecken wir plötzlich den Dämon im Fundament und den Fehler, den er eingebaut hat. „Ach du Scheiße“, rutscht es uns erschrocken von den Lippen, als wir erkennen, dass das tiefe und ehrliche Vertrauen in den Menschen, das den Grundstein des Gebäudes bilden sollte, durch einen Grundstein des Misstrauens ersetzt wurde und dass darum das ganze darüberliegende Gebäude so schief und schrecklich geraten ist und sich durch jede Fuge die Auswirkungen dieses Misstrauens ziehen. Denn aus dem Vertrauen wäre ein Gebäude der Unterstützung gewachsen, doch aus dem Misstrauen erwuchs stattdessen ein Gebäude der Kontrolle.

Weil wir den Kindern misstrauen, weil wir Angst haben, dass sie von alleine nichts lernen wollen, zwingen wir sie dazu. Und weil wir ihren Fähigkeiten misstrauen, selber zu entscheiden, was und wie sie das tun, zwingen wir sie in eine Schule, stecken sie in eine Klasse, setzen ihnen einen Lehrer vor und entscheiden für sie was, wieviel, wann, wo, wie, mit wem und mit welcher Methode sie zu lernen haben. Und weil wir auch ihrem eigenen Rhythmus und ihrer natürlichen Selbstregulation misstrauen, geben wir auch vor, wann sie Pause machen und wann sie tätig sein sollen.

Weil das Kultusministerium den Lehrern nicht vertraut, dass diese selber sinnvolle Dinge lehren wollen, gibt es einen verbindlichen Lehrplan vor. Und weil wir Angst haben das angehende Lehrer nicht selber die besten Lehrer werden wollen, die sie werden können, ist die ganze siebenjährige Lehrerausbildung vorgeschrieben und bis ins Genaueste kontrolliert. Weil der Lehrer den Schülern nicht zutraut, dass diese von alleine ihr Bestes geben, treibt er sie mit mit Noten und anderen Belohnungs- und Bestrafungsmechanismen an. Weil er misstraut, dass sie alleine eine sinnvolle Lernatmosphäre schaffen würden, gibt es das Stillsitzen vor. Weil wir Angst haben, dass die Kinder nicht selber wissen wollen, ob sie etwas wirklich verstanden haben, machen wir Prüfungen und weil wir auch nicht vertrauen, dass Menschen von alleine in den Berufen arbeiten wollen, zu denen sie geeignet sind und in denen sie wirklich gut sind, haben wir NCs und Zulassungsvoraussetzungen eingeführt. Das Grundmuster ist einfach: Weil wir Angst haben, kontrollieren wir.

Jetzt sehen wir deutlich, dass sas ganze Schulsystem noch immer auf einem schlechtem Menschenbild und der Angst vor dem Menschen basiert. Und dass sich durch alle Handlungen und Strukturen versteckt diese Angst zieht. Und unsere Reaktion darauf; die Kontrolle. Weil wir davon ausgehen, dass Kinder zu faulen, egoistischen und dummen Menschen werden würden, haben wir ein riesiges System der Kontrolle aufgebaut, um sie zum Gegenteil zu erziehen.

Doch aus dieser Entfernung können wir auch erkennen, dass die unreflektierte Angst eine selbsterfüllende Prophezeiung ist. Wir sehen, dass das tief im Fundament verankerte Misstrauen und der durch alle Strukturen und Handlungen durchscheinende Glaube, dass da dieses Schlechte in den Kindern ist, viel stärker wirkt, als unsere verzweifelten Bemühungen das Gegenteil zu erreichen. Unsere Erwartungen wirken stärker als unsere Forderungen. Denn durch die Kontrolle nehmen wir den Kindern die Möglichkeit ihr Leben selbst zu gestalten und berauben sie so mit der Zeit ihrer Gestalungslust und ihrer Gestaltungsfähigkeit. Weil wir den Kindern unsere Erfahrungen und unser Wissen aufzwingen, in unserer absurden Angst, dass sie unsere Erfahrungen ansonsten überhaupt nicht beachten würden, verhindern wir, dass sie von sich aus unsere Erfahrungen abholen. Und dann und nur dann, wenn die Kinder selber entscheiden können, welche Erfahrungen sie bekommen und wie sie diese nutzen, nur dann werden sie diese auch wirklich beachten und wertschätzen. Doch wir haben ihnen die Verantwortung für ihren Lernweg abgenommen und machen sie so zu unverantwortlichen Menschen. Und weil wir uns auch selber misstrauen und schließlich alle die Verantwortung an ein abstraktes System und eine allgemeine Meinung abgegeben haben, bilden schon bald nicht mehr die realen Bedürfnisse und Gefühle der Menschen den Ausgangspunkt und so entsteht schließlich ein sinnloses System. Deswegen wird Integralrechnung gelernt, „weil das eben wichtig ist“ oder „das schon immer so war“, statt das von den realen jeztige Herausforderungen und Bedürfnisses und Wünschen ausgegangen wird. Und weil alle sich selbst und sich gegenseitig misstrauen und in vorgegebene Rollen schlüpfen und sich gegenseitig bekämpfen oder miteinander konkurrieren, entsteht schließlich auch ein unmenschliches, beziehungsloses System. Und so erziehen wir die Kinder zu faulen, egoistischen und dummen Menschen.

Und jetzt erst erkennen wir, wie geschickt die List des Dämons war und wie geschickt er den Fluch versteckt hat. Denn je mehr die Folgen des Fluchs zu Tage treten, desto mehr scheinen diese das Misstrauen zu rechtfertigen und verstecken damit den eigentlichen Fluch. „Seht ihr, wie böse, faul und egoistisch die Menschen sind? Es ist richtig, dass wir ihnen misstrauen und wie gut, dass wir sie kontrollieren und zum Gegenteil erziehen, denn was würde sonst passieren?“ meinen wir, wo doch in Wirklichkeit all dies erst die Folgen der Kontrolle und des Misstrauens sind. Und noch schlimmer. Denn dies bedeutet, dass der Dämon den Fluch so gestaltet hat, dass er aussieht wie die Lösung für die Folgen des Fluchs. Denn kurzfristig scheint die Kontrolle zu wirken und etwas zu verbessern, während sie aber langfristig und heimlich die Grundlagen einer wirklichen Verbesserung zerstört. Und so greifen wir seit Jahrzehnten, während wir die Folgen des Fluchs zu bekämpfen versuchen, immer wieder zu genau jenem Mittel, dass diese Probleme verursacht. So wie der Alkoholiker trinkt, um das Leben zu vergessen, das durch seinen Alkoholismus geprägt ist, kontrollieren wir, um die Folgen der Kontrolle zu beheben.

Und als wir all das erkannt haben, wollen wir loslegen und etwas tun, um das Gebäude neu zu gestalten und die Macht des Dämons zu brechen. Doch schon bald müssen wir feststellen, wie verzwickt die Situation ist. Denn wenn wir z.B. die Lehrerausbildung verbessern wollen und am liebsten vorgeben würden, dass sich von nun endlich an alle angehenden Lehrer mit solch wichtigen Methoden, wie Gewaltfreier Kommunikation, Persönlichkeitsentwicklung oder Tiefenökologie auseinandersetzen müssen, dann wollen wir wieder kontrollieren und würden vielleicht eine kurzfristige Verbesserung erzielen, aber langfristig alles nur schlimmer machen. Wir würden vielleicht sogar unsere wertvollsten Werkzeuge und Waffen verlieren, denn es gehört zum Wesen dieser genannten Methoden, dass sie auf Freiwilligkeit beruhen und selber entdeckt werden müssen, und dass sie all ihren Glanz und ihre Energie verlieren, wenn sie aufgezwungen werden. Und auch wenn wir fordern, dass die Kultusministerien von einem Schülerrat in ihren Entscheidungen beraten wird, dann können wir vielleicht erreichen, dass die Schüler ein bisschen mehr Kontrolle über das Kultusministerium erlangt haben, aber dann haben wir damit nur ein weiteres Kontrollelement eingebaut und sind nicht aus dem System der Kontrolle ausgestiegen. Ja, selbst wenn wir von Eltern, Lehrern und Schulbehörden mehr Vertrauen fordern würden, dann wollen wir immer noch kontrollieren, denn Vertrauen kann nicht erzwungen werden und Vertrauen zu fordern ist eine misstrauische Tat.

Also beobachten wir zunächst, welche Kämpfe schon gegen den Dämon geführt wurden und stellen fest wie viele große und erfahrene Kämpfer und wie viele Initiativen und Reformversuche, schon gescheitert sind und schließlich müssen wir uns eingestehen, dass dieser Dämon anscheinend nicht im Kampf besiegt werden kann. Und erst als wir dies akzeptiert haben, erkennen wir auch warum das so ist, denn solange wir jemanden oder etwas bekämpfen, wollen wir kontrollieren. Und solange wir kontrollieren wollen, misstrauen wir und solange wir misstrauen, stärken wir die Macht des Dämons.

Aber was können wir dann tun, wenn der Dämon unbesiegbar ist, fragen wir uns verzweifelt. Wir können es doch nicht so lassen. Und da kommt uns eine verrückte, eine geradezu absurde Idee: Wir könnten beginnen dem Dämon zu vertrauen.

Denn wenn wir wirklich darauf vertrauen, dass in diesem Dämon eigentlich etwas Gutes steckt und dass er uns nichts Böses will, dann können wir aufhören ihn bekämpfen und kontrollieren zu wollen und stattdessen beginnen uns für ihn zu interessieren und ihm Aufmerksamkeit zu schenken, um zu verstehen, was eigentlich mit ihm los ist. Denn so wie sich Misstrauen als Kontrolle zeigt, zeigt sich Vertrauen als Interesse. Und so wie Rumpelstilzchen, wird der Dämon seine Macht verlieren, wenn wir ihn benennen und wie ein Vampir wird sein Fluch überall dort zu Staub zerfallen, wo er ins Licht der Aufmerksamkeit kommt. Und dann wartet eine lange Arbeit auf uns. Denn dann geht es darum, jeden einzelnen vom Misstrauen vergifteten Baustein im Schulsystem, mit diesem Interesse zu begegnen und ihn so lange in liebevoller Aufmerksamkeit zu baden, bis sich das Misstrauen in ihm erlöst und in Vertrauen verwandelt hat. Denn so wie Misstrauen sich vermehrt, vermehrt sich auch Vertrauen. Und dann werden wir vielleicht bei dieser Arbeit zu lernen, dass kein einziger der Lehrer, Schulleiter, Schulamtsbeamter, Kultusminister oder Eltern unser Feind ist. Dass keiner von ihnen jemals absichtlich etwas Böses getan hat, sondern dass alle jederzeit ihr Bestes geben. Und wenn wir diese Haltung zunehmend verinnerlichen, dann können wir aufhören gegen jemanden zu kämpfen und beginnen mit allen zusammen zu arbeiten. Und wenn wenn wir gegen niemanden kämpfen, dann hat der Dämon auch keine Macht und dann können wir beginnen das Gebäude neu zu gestalten.

Doch auch hier müssen wir wieder aufpassen. Denn wenn wir zwanghaft versuchen liebevolle Aufmerksamkeit zu schenken, wo eigentlich die Wut in uns brodelt, dann haben wir den Kampf nur nach innen verlagert. Dann misstrauen wir unserem Misstrauen und kontrollieren uns, damit wir nicht kontrollieren. Darum gilt es auch für uns selbst, die Wut in uns nicht zu bekämpfen, sondern auch ihr mit liebevoller Aufmerksamkeit zu begegnen. Dann entsteht eine liebevolle Wut und vielleicht ist das die Kraft, mit der wir dem Dämon begegnen können.

Vielleicht können wir mit einer solchen liebevollen Wut die schrecklichen und absurden Folgen des Misstrauens in all den Strukturen und Gewohnheiten aufzeigen und die Sehnsucht nach einer Welt des Vertrauens wecken. Vielleicht macht es Sinn auf beinahe verrückte Weise vertrauensvoll zu sein und so sehr das eigentlich offensichtlich Vernünftige, von dem in all der Absurdität keiner mehr glaubt, dass es geht, mit einer solchen Naivität und Ehrlichkeit zu machen, dass niemand widerspricht und es uns wie Schuppen von den Augen fällt.

Wenn Kreativität so wichtig ist, dann müssten sich doch alle freuen, wenn wir beginnen kreativ zu werden. Wenn es darum geht Schüler zur Selbstbestimmung zu erziehen, dann werden sie wahrscheinlich von allen Seiten Akzeptanz erfahren, wenn sie anfangen selber zu bestimmen, auch wenn diese Selbstbestimmung vielleicht bei dem ein oder andern schon etwas früher beginnt, als vorgesehen. Und wenn die Erziehung zur Demokratie in fast allen Bundesländern das oberste Ziel der Schule ist, dann werden wir mit ziemlicher Sicherheit die volle Unterstützung erhalten, wenn wir beginnen in allen entscheidenden Belangen mitzubestimmen und die Schulen nach demokratischen Prinzipien umzugestalten.

Wir wollen es für den Anfang nicht übertreiben. Beginnen wir mit einem kleinem Schritt. Was würde zum Beispiel passieren, wenn Schüler die Vision eines selbstbestimmten Lernortes, an dem sie sich freiwillig und auf selbstgewählte Weise mit sinnvollen, drängenden und lebendigen Fragen auseinandersetzen, einfach mal für zwei Wochen umsetzen? Und das Ganze selbstverständlich (denn wer würde den Schülern noch mehr Arbeit auflasten wollen), während der Schulzeit.

Prof. Dr. Gerald Hüther spricht über unser Schulsystem

Der gesamte Vortrag ist sehens- bzw. hörenswert. Gedanken zu unserem staatlichen Schulsystem folgen ab Minute 35:19.

Am Besten ist, dass die Lösung fast all unser Probleme einfach ist: Menschen können andere Menschen als Subjekte betrachten und behandeln und nicht länger als Objekte ♥

Weiternutzen statt wegwerfen

Bis 23. Juli 2018 in der arte Mediathek verfügbar:

Anmerkung: Werfen wir die falschen Dinge weg?

Immer mehr Menschen, vor allem Jugendliche, erkennen, dass es absolut nicht nachhaltig ist, Gebrauchsgegenstände achtlos wegzuwerfen.

Doch wie ist es mit unserem Bildungssystem? Können wir da nicht wenigstens etwas (ok, das Meiste) wegwerfen?

Der geheime Motor unserer Gesellschaft: eine Lüge :-(

Diese arte-Doku ist noch bis zum 31.05.2018 in der Mediathek von arte.tv/plus7 verfügbar.

Wieso bemerken so wenige Menschen, dass unser Wirtschaftssystem nachteilig für uns alle ist? – Weil wir alle, seit etwa 100 Jahren, mit dieser Lüge aufgewachsen sind, also auch Ihr, Eure Eltern, Eure Großeltern und teilweise auch schon Eure Urgroßeltern. https://youtu.be/ypEODEfkJxI

Was ist Politik? Einfach erklärt.

Der Sohn fragt: “Papi, was ist eigentlich Politik?” Erklärt der Vater: “Das ist ganz einfach… sieh mal… Ich bringe das Geld nach Hause, also bin ich der KAPITALISMUS. Deine Mutter verwaltet das Geld, also ist sie die REGIERUNG. Der Opa passt auf, dass hier alles seine Ordnung hat, also ist er die GEWERKSCHAFT. Unser Dienstmädchen ist die ARBEITERKLASSE. Wir alle haben nur eines im Sinn, nämlich dein Wohlergehen. Folglich bist Du das VOLK. Und Dein kleiner Bruder, der noch in den Windeln liegt, ist die ZUKUNFT. Hast du das verstanden, mein Sohn?” Der Kleine überlegt, und bittet seinen Vater, dass er noch eine Nacht darüber schlafen möchte…
Nachts wird der Junge wach, weil sein kleiner Bruder in die Windel gemacht hat, und furchtbar brüllt. Da er nicht weiss, was er machen soll, geht er ins Schlafzimmer der Eltern. Da liegt aber nur seine Mutter, und die schläft so fest, dass er sie nicht wecken kann. So geht er in das Zimmer des Dienstmädchens, wo der Vater sich gerade mit derselben vergnügt, während der Opa durch das Fenster unauffällig zuschaut. Alle sind so beschäftigt, dass sie nicht mitbekommen, dass der Junge vor ihrem Bett steht. Also beschliesst der Junge wieder schlafen zu gehen. Am nächsten Morgen fragt der Vater seinen Sohn, ob er nun mit eigenen Worten erklären kann, was Politik ist: “Ja”, antwortet der Sohn: “Der KAPITALISMUS missbraucht die ARBEITERKLASSE und die GEWERKSCHAFT schaut zu, während die REGIERUNG schläft. Das VOLK wird vollkommen ignoriert und die ZUKUNFT liegt in der Scheiße. DAS IST POLITIK!”

Alles paletti? Nachdenken mit dem Fokus … Schulbildung

Deutschland ist stolz auf seine Ingenieure, Entdecker und Freigeister, es gibt einige herausragende Persönlichkeiten. Wir haben aber eigentlich das Potential für viel mehr Kreativität. Das wird uns jedoch abtrainiert. Zunehmend sind andere auch schneller als wir, versuchen nur halbausgereifte Sachen und beherrschen die Fähigkeit, auf komplexe Herausforderungen entsprechend zu reagieren. Auf vernetztes Denken wird in unseren Schulen niemand konsequent vorbereitet, dort geht es hauptsächlich um Wissensvermittlung. Veränderung ist möglich: Es gibt weltweite Initiativen dies zu ändern, mit Bildung für eine nachhaltige Entwicklung. Von Jörg Knebusch.

In unserem Landkreis gab es bisher bis auf eine konfessionell gebundene Grundschule keine alternative Bildungsangebote und nun haben sich in den letzten Monaten gleich 3 Initiativen zur Gründung von alternativen Schulen gebildet. Ist das reiner Zufall? Sind das „nur“ Aktivitäten von ewigen Alternativos, Systemgegnern und Utopisten? Nein! Es sind ganz normale Eltern, Lehrer, Unternehmer – Menschen, die sich Ihre Gedanken über die aktuelle Situation unserer Gesellschaft im Hinblick auf sich vollziehende gravierende Umwälzungen und die notwendigen nachhaltigen Reaktionen machen.

Befinden Sie sich im Moment im Wohlfühlmodus? Meinen Sie, so wie es gerade läuft, sind wir für die Herausforderungen der Zukunft richtig aufgestellt? Dann lesen Sie bitte nicht weiter.

Für alle anderen: Am 18. September 2015 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Agenda 2030, eine Übereinkunft aller 193 Mitgliedsstaaten mit 17 globalen Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) mit 169 Unterzielen. Sie gilt seit dem 1. Januar 2016 und dient sozusagen als Gebrauchsanweisung für eine bessere Welt. Haben Sie davon schon etwas gehört? Wieso eigentlich nicht? Anscheinend gab es Wichtigeres 😉

Die Agenda 2030 benennt fünf Dimensionen, auf die gleichermaßen abgezielt werden muss:
den Menschen, den Planeten, Wohlstand und Frieden und eine globale Partnerschaft (englisch: People, Planet, Prosperity, Peace, Partnership – „5 Ps“). Die Vision der Agenda 2030 ist der gesunde Mensch, der in Frieden in einer gerechten Gesellschaft lebt, umgeben von einer intakten Umwelt – überall in der Welt.

Wenden wir uns nun speziell dem 4. Ziel-Komplex „Hochwertige Bildung“ zu, wo im Unterziel 4.7 steht: „Bis 2030 sicherstellen, dass alle Lernenden die notwendigen Kenntnisse und Qualifikationen zur Förderung nachhaltiger Entwicklung erwerben, unter anderem durch Bildung für nachhaltige Entwicklung und nachhaltige Lebensweisen …“

Die UNESCO hat für diesen Ziel-Komplex Bildung bereits ein Umsetzungsprogramm entwickelt. 2015 fiel der Startschuss für das UNESCO-Weltaktionsprogramm „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE). Das fünfjährige Programm (2015-2019) zielt darauf ab, langfristig eine systemische Veränderung des Bildungssystems zu bewirken und Bildung für nachhaltige Entwicklung vom Projekt in die Struktur zu bringen. Die Bundesregierung beteiligt sich am Weltaktionsprogramm, das federführende Ressort ist das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).

Irina Bogota, die Generaldirektorin der UNESCO schreibt im Vorwort der Roadmap zur Umsetzung des Weltaktionsprogramms „Bildung für nachhaltige Entwicklung“: „Die komplexen globalen Herausforderungen der heutigen Zeit verlangen Antworten, die in unserem kollektiven Verständnis von Menschlichkeit verwurzelt sind. Ich bin davon überzeugt, dass die vor uns liegenden Risiken und Chancen einen Paradigmenwechsel erfordern, den nur Bildung in unseren Gesellschaften hervorrufen kann.“

Im Weltaktionsprogramm BNE heißt es dann

Lehren und Lernen soll auf interaktive Weise und mit dem Fokus auf die Lernenden gestaltet werden, um forschendes, aktionsorientiertes und transformatives Lernen zu ermöglichen.

Wie soll das umgesetzt werden?

Förderung von Kernkompetenzen wie kritisches und systematisches Denken, kollaborative Entscheidungsfindung und die Übernahme von Verantwortung für aktuelle und zukünftige Generationen.

Was soll das bewirken?

Lernende jeden Alters in allen Lernumgebungen in die Lage versetzen, sich selbst und die Gesellschaft, in der man lebt, zu verändern.

Wieso lesen wir davon nichts? Ist es nicht gewollt, dass die Mehrheit der Bevölkerung kritisch, kreativ und systematisch denken lernt und in allen Lebenslagen in die Lage versetzt wird, sich und die Gesellschaft zu verändern? Soll unser Bildungssystem nur brave, fleißige „Abarbeiter“ für die Industrie hervorbringen?

Interessanter Weise schrieb bereits am 13. Oktober 2014 einmal die Wirtschaftswoche: „Endlich durchbrach nun am 6. Mai 2014 in der englischen Tageszeitung „The Guardian“ ein ‚offener Brief’ an den OECD-Verantwortlichen für Pisa, Andreas Schleicher, mit dem Titel „OECD and Pisa tests are damaging education worldwide“ das unwürdige Schweigen – unterschrieben von über 150 Universitätsdozenten aus aller Welt.“ und hebt dann hervor: „In den Pisa-Studien und der OECD-Governance ist also keine Bemühung zu sehen, nationale Bildungssysteme zu optimieren, sondern die Absicht, weltweit eine globalisierte, standardisierte Bildungspraxis zu installieren. In dieser werden Menschen auf ihren Wert als „Humankapital“ reduziert und die Nationalstaaten haben sich einem globalen Bildungs-Leviathan unterzuordnen. Höchst fraglich ist, ob diese Zielsetzung und der Weg dahin wohl mit den Bedingungen von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechten, Völkerrecht und Gemeinwohlförderung vereinbar sind.“

Verblüffend und eigentlich völlig im Einklang mit der geäußerten Kritik sagt Schleicher bereits 2011, was „Schule 2.0“ für ihn bedeutet: „Sie bereitet auf ein gesellschaftliches und berufliches Leben vor, das wir heute noch nicht kennen, auf Technologien, die erst morgen erfunden werden, und hilft, Herausforderungen zu bewältigen, von denen wir heute noch nicht wissen, dass es sie gibt.“ Auch in dem 2012 gehaltenem Vortrag auf einer TED conference äußerte er sich ähnlich.

Wie passt das zusammen? Kann Schleicher sich in der OECD mit seinen Ansichten nicht durchsetzen? Wieso misst die OECD in Pisa dann sogenannte Lernerträge als Schülerleistungen in Mathematik und in Lesekompetenz und nicht in Kreativität und vernetztem Denken? Wer ist denn die OECD eigentlich und was sind ihre Ziele?

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung wird bei Wikipedia wie folgt beschrieben: „Laut OECD-Konvention sind die Ziele der Organisation

  • zu einer optimalen Wirtschaftsentwicklung, hoher Beschäftigung und einem steigenden Lebensstandard in ihren Mitgliedstaaten beizutragen,
  • in ihren Mitgliedstaaten und den Entwicklungsländern das Wirtschaftswachstum zu fördern,
  • zu einer Ausweitung des Welthandels auf multilateraler Basis beizutragen.

Die Analysen und Empfehlungen der OECD zur Wirtschaftspolitik der Mitgliedstaaten orientieren sich an einer liberalen, marktwirtschaftlichen und effizienten Wirtschaftsordnung. Für die Arbeits- wie für die Produktmärkte spricht sich die Organisation für den Abbau von Schranken und für mehr Wettbewerb aus.“

Auf der Website der OECD steht in der Mission, die man sich gegeben hat, jedenfalls nichts davon, dass man eine nachhaltige Entwicklung der Welt als oberste Prämisse fördern möchte, es geht um das ökonomische und soziale Wohlbefinden der Menschen (im Rahmen und zur Absicherung einer liberalen, marktwirtschaftlichen und effizienten Wirtschaftsordnung).

In ihrem Jahresbericht „Bildung auf einen Blick 2017 – OECD-Indikatoren“ widmet sich die OECD erstmals auch der Messung der Zielerfüllung der Bildungsziele aus den 17 Global Goals, hält aber an den anderen, althergebrachten Indikatoren für eine „erfolgreiche“ Bildung weiter fest … so dann eben auch die Kultusminister der Länder und das mit Lehrmethoden, die zum Teil 100 bis 150 Jahre alt sind. In Baden-Württemberg reagierte man gerade auf die Verschlechterung bei der Pisa-Bewertung im Fach Mathe mit einer Wochenstunde mehr. Sind Schüler mit besseren Pisa-Bewertungen wirklich besser auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet?

Wieso muss sich denn so grundlegend etwas an unserem Bildungssystem ändern? Was ist das für ein System? Es wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt, um fleißige Fabrik- und FließbandarbeiterInnen sowie gehorsame Soldaten zu „produzieren“. Die Wirtschaft war auf die Produktion von relativ gut planbaren Mengen gleichartiger Massenartikel ausgerichtet und benötigte brave, funktionierende Arbeiter, die einfache Aufgaben erledigen können. Dafür war Frontalunterricht, Auswendiglernen, Einzel-Fach-Unterricht die richtige Methode.

Nur hat sich beginnend seit den 1970er Jahren die Welt gravierend geändert – sie wurde komplexer und schnelllebiger. Und all das spitzt sich mit den Veränderungen durch die Digitalisierung immer mehr zu. Jedoch kommt aus unserem Bildungssystem überwiegend kein Nachwuchs, der Eigeninitiative, komplexes Denken und Kreativität zum Finden und Lösen der aktuellen Problemstellungen gelernt hat. Auch die Wirtschaft tut sich schwer mit den notwendigen Veränderungen – Machterhalt von alten „Alphatieren“ und zentrierte Führungssysteme mit tiefen Hierarchien verhindern Schnelligkeit und Eigenverantwortung im Umgang mit der immer weiter wachsenden Komplexität. Ein Ausweg aus dieser Sackgasse sind verschiedenste Ansätze aus dem Baukasten von „New Work“. Dieses hier weiter auszuführen wäre ein eigenes Thema und würde den Rahmen sprengen.

Ich möchte mit einem Zitat fortfahren: „Wir sind Schüler von heute, die durch Lehrer von gestern in einem System von vorgestern auf die Probleme von übermorgen vorbereitet werden sollen.“, aus dem Buch „Die Schule schwänzt das Lernen“( 2013) von Andreas Müller, Bildungsinnovator und Leiter des Insitituts Beatenberg/Schweiz.

Ist es wirklich so schlimm? Sicherlich hat sich schon punktuell einiges zum Positiven verändert und gibt es heute schon einige neue herausragende „Leuchttürme“, aber grundsätzlich gilt immer noch, was George Land in einem Langzeittest festgestellt hat – dem Menschen wird ein nicht-kreatives Verhalten beigebracht. Land hatte 1968 ca. 1600 Kinder im Alter von 3-5 Jahren auf ihre Kreativität getestet, basierend auf einem Test, um für die NASA die kreativsten Köpfe zu finden. Dann testete er die selben Kinder wieder im Alter von 10 und 15 Jahren. Außerdem führte er diesen Test auch noch an 280.000 Erwachsenen durch, mit folgendem Resultat: im Alter von 5 Jahren waren unglaubliche 98% ideen- oder erfindungsreich, dann mit 10 Jahren schon nur noch 30%, die 15-jährigen gerade noch 12% und bei den Erwachsenen waren es noch ganze 2%.

Jetzt könnte man ja auch sagen, ok – die 2 % sind die Vordenker und alle anderen müssen das Erdachte nur noch ausführen. Werden wir damit die immer größer werdenden Herausforderungen unserer Zukunft lösen? Ich habe da einige Zweifel. Und wieso sollen wir die Menschheit eigentlich beim kreativen, selbständigen Denken, bei Innovationen bremsen?

Und wieso ist das eigentlich so? George Land erklärt das bildlich so – unser Bildungswesen funktioniert für das Gehirn so, als ob es laufend die Anweisung erhält, Gas und Bremse gleichzeitig zu betätigen. Wir sollen Neues lernen, entdecken und entwickeln, erhalten dazu aber laufend einengende Regeln, Verbote und sonstige Vorgaben. Texte, Formeln, Gesetze, Lösungswege auswendig lernen, Wissensvermittlung und das in Klassenarbeiten wiedergeben – das ist überwiegend die Schulpraxis.

Und wie soll das heute in der Schulpraxis anders funktionieren? Es funktioniert und interessanterweise auch noch ganz anders als von skeptischen Außenstehenden erwartet. So haben sich Kinder der Freien Schule Forsmannstrasse in Hamburg in ihren zwei freien Projektstunden für Entdeckungen und Forschungen (ein halbes Jahr lang jede Woche) als selbst gewähltes Thema nicht mit Pferden, Computerspielen oder Fussball befasst, sondern ziemlich komplexe technische oder Gesellschaftsthemen gewählt. Und nun kommt das Überraschende: die beste Problemlösungskompetenz hatten nicht die eigentlichen Musterschüler, die beim Auswendiglernen für Klassenarbeiten ganz vorne lagen.

Damit sich das nun grundlegend in unserem Bildungssystem ändert, fordert die Roadmap der UNESCO in insgesamt 5 Handlungsfeldern u.a.

  1. Politische Unterstützung: Integration des BNE-Konzepts in die Politik in den Bereichen Bildung und nachhaltige Entwicklung, um ein günstiges Umfeld für BNE zu schaffen und eine systemische Veränderung zu bewirken
  2. Ganzheitliche Transformation von Lern- und Lehrumgebungen: Integration von Nachhaltigkeitsprinzipien in Bildungs- und Ausbildungskontexte

Übrigens soll das BNE-Konzept bis 2019 umgesetzt sein. Es gibt dazu auch eine Meilensteinplanung und seit Juni einen Nationalen Aktionsplan. Im Vorwort dieses Aktionsplanes für Deutschland schreibt Frau Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung:

„Wir brauchen kreative Ideen, Visionen und Gestaltungsmut für eine nachhaltige Entwicklung.“

Weil es visionäre, mutige Menschen gibt, stehen wir, wie ich auch schon eingangs erwähnt habe, glücklicher Weise nicht mehr beim Punkt Null. Hervorheben möchte ich die Initiative „Schule im Aufbruch“. Diese hat es beispielsweise schon geschafft, für fast 100 Schulen in Deutschland und Österreich eben genau diese Transformation zu einem solchen Bildungssystem anzustoßen bzw. bereits zu vollenden. Ein herausragendes Beispiel bildet die Evangelische Schule Berlin Zentrum, deren ehemalige Leiterin, Magret Rasfeld, heute der führende Kopf von „Schule im Aufbruch“ ist. Vier Schülerinnen dieser Schule haben ein begeisterndes Buch über „Lernen wie es uns gefällt“ geschrieben.

Wieso kennen selbst die meisten Schulleiter das BNE-Konzept nicht? Ein Schulleiter sagte mir nach der Diskussion über „Schule im Aufbruch“, die Global Goals und die gesellschaftliche Notwendigkeit der Transformation des Bildungssystems, dass er für die Initiative „Schule im Aufbruch“ keine Zeit hat – er hat schon viele Moden von Lernmethoden kommen und wieder verschwinden sehen und müsse sich nun mit dem Thema Autismus befassen.

Den Schluss meiner Darlegungen möchte ich nun mit ein paar Gedanken zum Thema „Mut“ einleiten. Auf der diesjährigen Utopianale mit dem Thema „Was wir lernen wollen“ am 11./12. November 2017 in Hannover tauschten wir uns in Dreiergruppen darüber aus, wann und wie wir in unserem Leben schon mal Mut bewiesen hatten und was es so mit dem Mut auf sich hat. Dabei definierte ich für mich Mut als Moment des Verlassen einer Komfortzone, Mut, weil man ein Ziel erreichen will, Mut als „ausgeklinkte Sehnsuchtsfeder“.

Liebe KultusministerInnen, StaatssekretärInnen und DezernentInnen, liebe Lehramt-ProfessorInnen und StudentInnen, liebe SchuleiterInnen und LehrerInnen, was macht die Arretierung Ihrer „Sehnsuchtsfeder“ … haben diese Zeilen sie etwas gelockert? Die UNO, die UNESCO und die Bundesregierung mit dem Nationalen Aktionsplan haben Ziele gesetzt und Wege aufgezeigt. Liebe Eltern, liebe SchülerInnen, es geht um Eure Zukunft bzw. die Eurer Kinder – steht auf und fordert Veränderungen ein. Bildet lokale oder regionale Aktionsgemeinschaften im Zeichen von „Schule im Aufbruch“, so wie z.B. die Bürgerinitiative OSIA – Osnabrücker Schulen im Aufbruch.

Ein Vater, Geschäftsführer und Bürger

Quellen:


Jörg Knebusch ist promovierter Diplomökonom, mit einer über 25 jährigen interdisziplinären und internationalen Berufspraxis – als Selbständiger, in Familienunternehmen und auch im Großkonzern, in letzter Zeit verstärkt aktiv in Sachen „New Work“ und „Schule im Aufbruch“.