Keanu Reeves, Erfolg trotz oder wegen mangelnder Disziplin?

… Allerdings musste er aufgrund seiner mangelhaften Disziplin die High School viermal wechseln. (Quelle Wikipedia)

Und hier noch ein interessanter Netzfund:

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Aufruf an alle jungen Menschen: “Lasst Euch nicht verbiegen!”

Das Problem ist die (Regel-)Schule und auch sind es die Eltern, nicht die Kinder

Das Problem ist die (Regel-)Schule, nicht die Kinder
Zum Tod von Jesper Juul schließen wir uns den folgenden Worten an:

Liebe Freunde von Jesper Juul und familylab,

Jesper Juul ist am 25. Juli um 13:00h von uns gegangen. Er war im Krankenhaus mit einer erneuten Lungenentzündung und kam, nachdem er sich etwas besser gefühlt hatte, nach Hause. Er ist friedlich in seinem Bett eingeschlafen. Sein unermüdlicher Kampf durch all die unermeßlichen Schmerzen, über so viele Jahre, verdient alle Bewunderung.

Wir danken Dir lieber Jesper für Deinen grenzenlosen Einsatz und die Kraft und Zuversicht, die Du in so viele Familien mit Deiner außerordentlichen Arbeit gebracht hast.

Dein richtungsweisendes Lebenskonzept der Gleichwürdigkeit wird weiter bestehen, über alle Generationen hinweg und wir werden es weiter tragen und es an die nächsten Generationen weitergeben.

In tiefer Verbundenheit
Mathias Voelchert, Eleonore d’Harnoncourt &
das familylab-team

Ein Nachruf von Georg Cadeggianini in der Süddeutschen Zeitung:
Nachruf auf Jesper Juul
Der Beobachter
Jesper Juul ist am 25. Juli gestorben. (Foto: Franz Bischof)
Von Georg Cadeggianini

“Ihnen geht es heute aber nicht so gut”, meinte er bei der letzten Begegnung. Ein paar Takte waren erst gesprochen, über andere Dinge, den behindertengerechten Türöffner, die Vorbereitungen zu seinem Geburtstagsfest. Und plötzlich dieser Satz im freundlichen dänischen Akzent, dazu ein zugewandter Blick, aus dem Rollstuhl heraus, von einem Mann, der den Termin erst kurz zuvor bestätigt hat, wegen der unvorhersehbaren Schmerzen. Typisch Jesper Juul, so ein Manöver. Immer der Beobachter, auch wenn er gerade selbst beobachtet werden sollte, unkorrumpierbar – selbst vom eigenen Leid nicht, mit einer besonderen Aufnahmefähigkeit, einer Art Para-Juul-Antennen. Ohne zu fragen, wie es einem geht, erfährt er es.

Niemand hat die vergangenen Jahrzehnte Erziehung in Deutschland und Europa derart geprägt wie Jesper Juul. Er hat eine neue Elternidentität geschaffen: eine, die Beziehungen in den Mittelpunkt des Familienlebens rückt statt irgendwelcher Erziehungstricks, eine, die Ressourcen in den Blick nimmt, statt auf die Probleme zu starren, die Neugierde als Grundhaltung für Mama und Papa vorschlägt: Neugierig auf den kleinen, neuen Menschen, der da in der Familie groß wird, den man kennenlernen will mit seinen Bedürfnissen, seinem Erleben, seinem Wesen.

Juul hat sich gegen alles gewehrt, was Kinder als nicht fertige Projekte ansieht. Die große Klavierspielerin als Talentprojekt unterscheidet sich da nicht grundsätzlich von Sätzen wie “Ich will nur, dass du glücklich wirst”. Beides signalisiert: Ich sehe dich nicht jetzt, sondern arbeite an deiner Vollversion. Juul hat viele scheinbare Erziehungsgewissheiten auf den Kopf gestellt: Kinder brauchen keine Grenzen – sondern Beziehungen zu Menschen, die Grenzen haben. Eltern müssen nicht konsequent sein – sondern glaubwürdig. Belohnen ist auch nicht besser als bestrafen. Perfekte Eltern sind für Kinder vor allem eins: ein Albtraum.

Seine eigene Eltern waren ziemlich gute schlechte Vorbilder

Nach eigenen Angaben hat er 40 Bücher in 29 Ländern auf 25 Sprachen veröffentlicht, darunter Bestseller wie “Dein kompetentes Kind” und “Nein aus Liebe”. Als Teil der Kolumne “Familien-Trio”beantwortete er auch im Gesellschaftsteil der Süddeutschen Zeitung regelmäßig Erziehungsfragen. Dabei war er unwissenschaftlich im besten Sinne. “Ich verstehe mich als Beobachter und Diener des Durchschnittsmenschen.” Sein Schreiben lebte vom täglichen Umgang mit Familien, es war stets überholbar. “Ich hab’s. Ich bin fertig” – so etwas gab es bei ihm nicht. Er hat mehr als 25 Jahre das von ihm gegründete Kempler-Institut geleitet, dessen Arbeit jetzt das Deutsch-Dänische Institut für Familientherapie und Beratung in Berlin weiterführt, über Jahre hat er mit Kriegstraumatisierten in Kroatien gearbeitet. Das Familylab, ein Beratungsnetzwerk für Familien, baute er die vergangenen 15 Jahre auf. Seine Agenda: Menschen dazu bringen, ihren eigenen Weg zu finden, bedeutende Beziehungen aufzubauen; Beziehungen, die die Sicherheit geben, gesehen zu werden, gemeint zu sein.

Wenn man eine Kindheit bauen wollte, die die Spiegelfolie davon darstellt, würde man wahrscheinlich ziemlich genau bei dem kleinen Jesper landen, geboren am 14. April 1948 in Vordingborg im Südosten Nachkriegsdänemarks. “Einsam”, meinte Juul, “war ich von Geburt an. Alleinsein war danach einfach.” Die Mutter, besitzergreifend, sah ihren Sohn als Ableger ihrer selbst. Wenn sie davon sprach, was “mein Jesper” alles tun oder lassen solle, hatte er nie das Gefühl gemeint zu sein. Es ging nicht um ihn, sondern nur um den Jesper, den sich seine Mutter vorstellte.

Der Vater, eigentlich Künstler, der in einem Gardinengeschäft versauerte, fremdbestimmt von seiner Ehefrau, war nie bereit, für seine eigenen Wünsche und Ziele einzustehen. Der Jesper, der später der großer Beobachter menschlicher Beziehungen werden wird, wächst selbst beziehungsbefreit auf. Keiner interessiert sich dafür, wer dieser Junge ist. Von seinen Eltern, sagte Juul später, habe er viel gelernt. Vor allem, wie man es nicht machen sollte. Seine Eltern waren zwei ziemlich gute schlechte Vorbilder.

Nicht die Jugendlichen sind unerreichbar, unsere Arme sind zu kurz

Jesper sucht sich seinen Platz in der Peripherie der Familie, flieht in ein mentales Exil. Kein angenehmer Platz, aber ein guter Platz, um ein guter Beobachter zu werden. Nach dem Realschulabschluss – die Mutter hatte mit dem Baumarkt um die Ecke gerade eine Lehre eingefädelt – flieht er mit 16 Jahren als Hilfskoch auf See.

Sein Weg in die Familientherapie verläuft über Umwege, er arbeitet als Bauarbeiter, als Kellner, als Barkeeper, studiert Religionsgeschichte auf Lehramt. Seine erste richtige Stelle führt ihn mit verhaltensauffälligen Mädchen und Jungen zusammen. Er merkt schnell: Nicht die Jugendlichen sind unerreichbar, unsere Arme sind zu kurz. Statt missratene Kinder reparieren zu wollen, muss man die Eltern einbeziehen. Dieser Aufgabe widmet er sich, nimmt dabei vielleicht die Arbeit wichtiger als das Leben selbst. “Meine beiden Frauen, mit denen ich verheiratet war”, schrieb er einmal, “werden dem sicherlich zustimmen.” Im Kochen und Essen findet er Erholung. Manche, die mit ihm gearbeitet haben, haben davon ein Rezept ins eigene Repertoire übernommen (“Spargel à la Jesper” zum Beipsiel, mit gerösteten Walnüssen und grob geriebenem Parmesan).

Er wusste um die Kraft von Worten. Statt Stiefmutter oder -vater schrieb er von Bonus-Eltern. Die Pubertät nannte er schon mal Payback-Zeit. Und wenn es keine eigenen Worte gab, erfand er sie: “Persönliche Sprache”, “Selbstgefühl”, “autonome Kinder” und vor allem “Gleichwürdigkeit”, sein großer Begriff, der Augenhöhe jenseits von Macht einfängt und die Grundbedingung darstellt, sich ernstgenommen und gemeint zu fühlen. Fürsorglichkeiten waren ihm lästig, untergraben sein Konzept der persönlichen Verantwortung. Wenn er hustete, im Seminar mit Therapeuten etwa, und ihm von allen Seiten Lutschbonbons angeboten wurden, antwortete er mit seinem heiseren kathartischen Lachen: “Wie viele Mamis!”

Zuletzt hat er das, was er jahrzehntelang als fatale Grundstimmung von Kindheit beschrieb, noch mal am eigenen Körper erlebt: Das Gefühl, dass andere bestimmen, was gut für einen ist. Die Machtlosigkeit, dieses Ausgeliefertsein erlebte er als Kranker. 2012 brach er bei einem Vortrag in Ljubljana zusammen. Transverse Myelitis, eine Autoimmunkrankheit, lähmte ihn seitdem brustabwärts. Dazu quälten ihn unberechenbare Schmerzen.

“Eltern zu sein ist schwierig – seit Jesus Christus”

Mit 64 Jahren verlor Jesper Juul nach Komplikationen bei einem Luftröhrenschnitt seine Stimme. Er, der international Vortragsreisende, der große Sender, an dessen Lippen jahrzehntelang Millionen von Eltern hingen, war plötzlich mundtot, dreieinhalb Jahre lang. Als ihn eine Therapeutenkollegin gemeinsam mit ihrer Teenager-Tochter danach im Krankenhaus besuchte und die Tochter nach dieser Zeit fragte, nach dieser Stille, antwortete Juul: “Man merkt, dass es gar nicht so viel zu sagen gibt.”

Wer ihn live erlebt hat, war vielleicht von den Pausen irritiert. Er hörte zu, oft mit geschlossenen Augen, ließ die Worte durch sich hindurchsickern, die Para-Juul-Antennen voll auf Empfang. Auf großer Bühne, wenn er, fast verwachsen mit dem Sessel, eine Publikumsfrage in sich aufsog, anschließend das Wasserglas nahm, trank, einatmete, ausatmete – und dann erst zur Antwort ansetzte: auf den Punkt, knapp und unverpackt, nie statisch. Immer überraschend, inspirierend, oft zwei Ecken weiter. Er war nahbar (“Ich war ein furchtbarer Vater”), Unsicherheiten waren ihm sympathisch (“Die besten Eltern, die ich kenne, machen 20 Fehler pro Tag”).

Was er nicht gelten ließ, war, sich einzurichten in der Unzufriedenheit – so wie sein Vater. “Wer viel isst”, sagte er, dessen Markenzeichen auch sein gewaltiger Bauch war, “wird wahrscheinlich dick.” Dass es leicht sei, sich zu ändern, habe nie jemand behauptet. “Eltern zu sein ist schwierig – seit Jesus Christus.”

Am Donnerstag ist Jesper Juul im Alter von 71 Jahren in seiner Wohnung in Odder nahe Aarhus gestorben.

Familie "Ich habe im Kindergarten Feuer gelegt"

“Schafft die Schule ab”, eine Buchempfehlung

Oliver Hauschke hat ein Buch geschrieben, vergangene Woche ist es erschienen und der Titel der Titel lautet: “Schafft die Schule ab”

Auszug: “Das System hält er deshalb für ein Problem, das gelöst werden muss. Nicht Schritt für Schritt, sondern auf einen Schlag. Alles weg. Und dann alles neu.”

Eine Buchempfehlung von Paul Munzinger

Diese Woche erschienen in der ‘Süddeutsche Zeitung’:

Die Seite können Sie sich unter dieser Adresse anschauen:
https://sz.de/1.4462228 – Achtung, Werbeeinblendungen

 

Die Schulpflicht gehört abgeschafft!

Ein Artikel von Philip Kovce

Schulpflicht als Schulzwang

Bereits 2007 wurde die Bundesrepublik von den Vereinten Nationen dafür gerügt. Ihre noch aus der NS-Zeit stammende Auslegung der Schulpflicht als Schulzwang sei mit internationalen Abkommen nicht vereinbar. Die Abkommen sähen Alternativen wie Fern- und Hausunterricht vor. Vor allem aber liege die Entscheidung darüber, ob die Kinder zur Schule gehen sollen oder nicht, bei den Eltern – nicht beim Staat.“

Quelle und kompletter Artikel (bitte Logo anklicken):

Deutschlandfunk Kultur
Die Schulpflicht gehört abgeschafft

 

Keiner will etwas Böses

Der Dämon im Schulsystem

Da wohnt ein Dämon in den Tiefen des Schulsystems. Ins Fundament hat er sich eingeschlichen und das, was eigentlich als Palast geplant war, zu einem Gefängnis werden lassen. Schon in die Vision und den Bauplan der Schule, hat er heimlich einen Fehler eingebaut und so hat sich der Fluch dieses Dämons in alle Details, vom Fundament bis zum Dach, vom Lehrplan bis zum Schulgesetz, vom Stundenplan bis zur Schulbehörde und von den Köpfen der Schüler bis in die Herzen der Lehrer verbreitet und jedes einzelne Element so verfälscht und vergiftet, dass es seinem ursprünglichen Anliegen zuwiderläuft. Gleichzeitig hat er diesen Fehler so gut versteckt, dass er lange Zeit verborgen blieb und erst langsam, dann aber immer unabwendbarer seine Auswirkungen zeigte. Darum ist aber inzwischen der eigentliche Fehler kaum mehr zu erkennen und alle Versuche die Folgen des Fluchs zu bekämpfen, bleiben nur hilflose Bemühungen an der Oberfläche, während tief in den Fundamenten der Dämon lacht.

Heute zeigen sich die Folgen dieses Fluchs in unübersehbarer Deutlichkeit. Denn trotz der zunehmenden Anstrengungen von Lehrern, Eltern, Schülern oder Schulministern scheinen all diese Bemühungen wirkungslos zu bleiben oder sich ins Gegenteil zu verkehren. Doch da wir mitten im Geschehen stecken und all dies so selbstverständlich geworden ist, fallen uns die schrecklichen und teilweise absurd anmutenden Folgen des Fluchs oft gar nicht mehr richtig auf. Was wir kennen, ist das dumpfe Gefühl, dass Schule keinen Spaß macht und vielleicht die Frage, warum Schüler die Hand heben müssen, um etwas zu sagen. Aber wenn wir dann genauer hinschauen, fallen uns mehr und mehr Widersprüchlichkeiten auf und wir fragen, was das mit den 45-Minutentakt, den Fächern oder den Noten soll? Schließlich treten wir drei Schritte zurück und sehen ein Schauspiel, dass so absurd wirkt, dass wir lachen möchten, bevor wir zu weinen beginnen.

Denn wir sehen, dass Schüler zehn bis dreizehn Jahre lang den größten Teil des Tages in eine Schule gehen und dass aber der Größte und immer größer werdende Teil all dessen, was sie dort mit viel Mühe und oft unter Stress lernen, für die Schüler und deren weiteres Leben völlig ohne Bedeutung ist. Es ist, als würden wir Eichhörnchen dazu zwingen Steine statt Nüsse zu sammeln. Und während es sich beim Sammeln, Transportieren und Verbuddeln der schweren Steine die Zähne kaputt macht, die kleinen Pfoten blutig schrammt und den Rücken verbiegt, muss es, wenn der Winter kommt und es einen großes Vorrat an Steinlagern angelegt hat, feststellen, dass die Steine gar nicht essbar sind. Kein Wunder, dass die Meisten der Eichhörnchen schon ganz bald fast alle Orte ihrer Steinvorräte vollständig vergessen haben, während einige wenige bei jeder Gelegenheit ihre Steinlager ausbuddeln, um damit zu prahlen, wie viele, wenn auch nutzlose, Steine sie gesammelt haben.

Wir gehen einen weiteren Schritt zurück und sehen all die großen Herausforderungen, vor denen wir als Menschen gerade stehen und stellen erschreckend fest, das diese, trotz der immer neuen Lehrpläne, fast überhaupt nicht und wenn, dann nur rein gedanklich, in der Schule berührt werden. Dass wir in der Schule weiterhin so tun, als ob wir einfach so weitermachen könnten wie bisher und damit den Schülern genau jene Ablenkungshaltung vorleben, die eine Neuausrichtung auf eine lebenswerte Zukunft so schwierig macht. Dann sehen wir, dass die Schule in keinster Weise eine Brücke in die Zukunft ist, die die Schüler darauf vorbereitet eine wundervolle Zukunft zu gestalten, sondern bestenfalls eine Brücke in die Vergangenheit und schlimmstenfalls eine Brücke in den Abgrund baut.

Als wir dies erschrocken zur Kenntnis genommen haben, gehen wir einen weiteren Schritt zurück und stellen erstaunt fest, dass das ganze System der Schule im krassen Gegensatz zu den Werten steht, die wir eigentlich vermitteln wollen. Dass wir den Wert der Demokratie aufzeigen wollen, aber die Schule so hierachisch aufgebaut ist, wie das Kaiserreich in der sie entstanden ist. Dass wir Kreativität fördern wollen, die Lösungen in der Schule aber immer schon feststehen. Dass wir uns selbstbestimmte Menschen wünschen, aber in der Schule alles fremdbestimmt ist. Und dass wir Kooperation wollen, dass aber in der Schule alles auf Konkurrenz und Vergleich ausgerichtet ist und niemand bei den Prüfungen zusammenarbeiten darf.

Schließlich treten wir noch einen letzten Schritt zurück, betrachten das ganze Schulsystem und wie die Schüler dort hindurchgehen und müssen uns kopfschüttelnd und tief traurig eingestehen, dass bei all den Bemühungen der Lehrer, dem Stress der Schülern, der Unterstützung durch die Eltern und den Reformversuchen der Minister, inmitten von Lehrplänen, wichtigen oder unwichtigen Inhalten, Hausaufgaben,Übungen, Prüfungen, Büchern, Exkursionen, Gruppenarbeit und Methoden, trotzdem all das, was wirklich Wesentlich ist, nicht gelernt wird, sondern sogar verlernt wird: Die Gestaltungslust, die Entdeckerfreude, das Selbstvertrauen, das Weltvertrauen, die Selbstverantwortlichkeit, der Gemeinschaftssinn, die Liebesfähigkeit, die unmittelbare Echtheit, der spontane lebendige Ausdruck, die Selbstakzeptanz und schließlich sogar die Freude am Lernen. Und so bemerken wir, wie schrecklich der Fluch des Dämons war, weil er nämlich bewirkt, dass während dem Lernen, die Grundlage dafür, nämlich die Freude daran, zerstört wird.

Und während wir das ganze verquere Gebäude des Schulsystems so betrachten, da entdecken wir plötzlich den Dämon im Fundament und den Fehler, den er eingebaut hat. „Ach du Scheiße“, rutscht es uns erschrocken von den Lippen, als wir erkennen, dass das tiefe und ehrliche Vertrauen in den Menschen, das den Grundstein des Gebäudes bilden sollte, durch einen Grundstein des Misstrauens ersetzt wurde und dass darum das ganze darüberliegende Gebäude so schief und schrecklich geraten ist und sich durch jede Fuge die Auswirkungen dieses Misstrauens ziehen. Denn aus dem Vertrauen wäre ein Gebäude der Unterstützung gewachsen, doch aus dem Misstrauen erwuchs stattdessen ein Gebäude der Kontrolle.

Weil wir den Kindern misstrauen, weil wir Angst haben, dass sie von alleine nichts lernen wollen, zwingen wir sie dazu. Und weil wir ihren Fähigkeiten misstrauen, selber zu entscheiden, was und wie sie das tun, zwingen wir sie in eine Schule, stecken sie in eine Klasse, setzen ihnen einen Lehrer vor und entscheiden für sie was, wieviel, wann, wo, wie, mit wem und mit welcher Methode sie zu lernen haben. Und weil wir auch ihrem eigenen Rhythmus und ihrer natürlichen Selbstregulation misstrauen, geben wir auch vor, wann sie Pause machen und wann sie tätig sein sollen.

Weil das Kultusministerium den Lehrern nicht vertraut, dass diese selber sinnvolle Dinge lehren wollen, gibt es einen verbindlichen Lehrplan vor. Und weil wir Angst haben das angehende Lehrer nicht selber die besten Lehrer werden wollen, die sie werden können, ist die ganze siebenjährige Lehrerausbildung vorgeschrieben und bis ins Genaueste kontrolliert. Weil der Lehrer den Schülern nicht zutraut, dass diese von alleine ihr Bestes geben, treibt er sie mit mit Noten und anderen Belohnungs- und Bestrafungsmechanismen an. Weil er misstraut, dass sie alleine eine sinnvolle Lernatmosphäre schaffen würden, gibt es das Stillsitzen vor. Weil wir Angst haben, dass die Kinder nicht selber wissen wollen, ob sie etwas wirklich verstanden haben, machen wir Prüfungen und weil wir auch nicht vertrauen, dass Menschen von alleine in den Berufen arbeiten wollen, zu denen sie geeignet sind und in denen sie wirklich gut sind, haben wir NCs und Zulassungsvoraussetzungen eingeführt. Das Grundmuster ist einfach: Weil wir Angst haben, kontrollieren wir.

Jetzt sehen wir deutlich, dass sas ganze Schulsystem noch immer auf einem schlechtem Menschenbild und der Angst vor dem Menschen basiert. Und dass sich durch alle Handlungen und Strukturen versteckt diese Angst zieht. Und unsere Reaktion darauf; die Kontrolle. Weil wir davon ausgehen, dass Kinder zu faulen, egoistischen und dummen Menschen werden würden, haben wir ein riesiges System der Kontrolle aufgebaut, um sie zum Gegenteil zu erziehen.

Doch aus dieser Entfernung können wir auch erkennen, dass die unreflektierte Angst eine selbsterfüllende Prophezeiung ist. Wir sehen, dass das tief im Fundament verankerte Misstrauen und der durch alle Strukturen und Handlungen durchscheinende Glaube, dass da dieses Schlechte in den Kindern ist, viel stärker wirkt, als unsere verzweifelten Bemühungen das Gegenteil zu erreichen. Unsere Erwartungen wirken stärker als unsere Forderungen. Denn durch die Kontrolle nehmen wir den Kindern die Möglichkeit ihr Leben selbst zu gestalten und berauben sie so mit der Zeit ihrer Gestalungslust und ihrer Gestaltungsfähigkeit. Weil wir den Kindern unsere Erfahrungen und unser Wissen aufzwingen, in unserer absurden Angst, dass sie unsere Erfahrungen ansonsten überhaupt nicht beachten würden, verhindern wir, dass sie von sich aus unsere Erfahrungen abholen. Und dann und nur dann, wenn die Kinder selber entscheiden können, welche Erfahrungen sie bekommen und wie sie diese nutzen, nur dann werden sie diese auch wirklich beachten und wertschätzen. Doch wir haben ihnen die Verantwortung für ihren Lernweg abgenommen und machen sie so zu unverantwortlichen Menschen. Und weil wir uns auch selber misstrauen und schließlich alle die Verantwortung an ein abstraktes System und eine allgemeine Meinung abgegeben haben, bilden schon bald nicht mehr die realen Bedürfnisse und Gefühle der Menschen den Ausgangspunkt und so entsteht schließlich ein sinnloses System. Deswegen wird Integralrechnung gelernt, „weil das eben wichtig ist“ oder „das schon immer so war“, statt das von den realen jeztige Herausforderungen und Bedürfnisses und Wünschen ausgegangen wird. Und weil alle sich selbst und sich gegenseitig misstrauen und in vorgegebene Rollen schlüpfen und sich gegenseitig bekämpfen oder miteinander konkurrieren, entsteht schließlich auch ein unmenschliches, beziehungsloses System. Und so erziehen wir die Kinder zu faulen, egoistischen und dummen Menschen.

Und jetzt erst erkennen wir, wie geschickt die List des Dämons war und wie geschickt er den Fluch versteckt hat. Denn je mehr die Folgen des Fluchs zu Tage treten, desto mehr scheinen diese das Misstrauen zu rechtfertigen und verstecken damit den eigentlichen Fluch. „Seht ihr, wie böse, faul und egoistisch die Menschen sind? Es ist richtig, dass wir ihnen misstrauen und wie gut, dass wir sie kontrollieren und zum Gegenteil erziehen, denn was würde sonst passieren?“ meinen wir, wo doch in Wirklichkeit all dies erst die Folgen der Kontrolle und des Misstrauens sind. Und noch schlimmer. Denn dies bedeutet, dass der Dämon den Fluch so gestaltet hat, dass er aussieht wie die Lösung für die Folgen des Fluchs. Denn kurzfristig scheint die Kontrolle zu wirken und etwas zu verbessern, während sie aber langfristig und heimlich die Grundlagen einer wirklichen Verbesserung zerstört. Und so greifen wir seit Jahrzehnten, während wir die Folgen des Fluchs zu bekämpfen versuchen, immer wieder zu genau jenem Mittel, dass diese Probleme verursacht. So wie der Alkoholiker trinkt, um das Leben zu vergessen, das durch seinen Alkoholismus geprägt ist, kontrollieren wir, um die Folgen der Kontrolle zu beheben.

Und als wir all das erkannt haben, wollen wir loslegen und etwas tun, um das Gebäude neu zu gestalten und die Macht des Dämons zu brechen. Doch schon bald müssen wir feststellen, wie verzwickt die Situation ist. Denn wenn wir z.B. die Lehrerausbildung verbessern wollen und am liebsten vorgeben würden, dass sich von nun endlich an alle angehenden Lehrer mit solch wichtigen Methoden, wie Gewaltfreier Kommunikation, Persönlichkeitsentwicklung oder Tiefenökologie auseinandersetzen müssen, dann wollen wir wieder kontrollieren und würden vielleicht eine kurzfristige Verbesserung erzielen, aber langfristig alles nur schlimmer machen. Wir würden vielleicht sogar unsere wertvollsten Werkzeuge und Waffen verlieren, denn es gehört zum Wesen dieser genannten Methoden, dass sie auf Freiwilligkeit beruhen und selber entdeckt werden müssen, und dass sie all ihren Glanz und ihre Energie verlieren, wenn sie aufgezwungen werden. Und auch wenn wir fordern, dass die Kultusministerien von einem Schülerrat in ihren Entscheidungen beraten wird, dann können wir vielleicht erreichen, dass die Schüler ein bisschen mehr Kontrolle über das Kultusministerium erlangt haben, aber dann haben wir damit nur ein weiteres Kontrollelement eingebaut und sind nicht aus dem System der Kontrolle ausgestiegen. Ja, selbst wenn wir von Eltern, Lehrern und Schulbehörden mehr Vertrauen fordern würden, dann wollen wir immer noch kontrollieren, denn Vertrauen kann nicht erzwungen werden und Vertrauen zu fordern ist eine misstrauische Tat.

Also beobachten wir zunächst, welche Kämpfe schon gegen den Dämon geführt wurden und stellen fest wie viele große und erfahrene Kämpfer und wie viele Initiativen und Reformversuche, schon gescheitert sind und schließlich müssen wir uns eingestehen, dass dieser Dämon anscheinend nicht im Kampf besiegt werden kann. Und erst als wir dies akzeptiert haben, erkennen wir auch warum das so ist, denn solange wir jemanden oder etwas bekämpfen, wollen wir kontrollieren. Und solange wir kontrollieren wollen, misstrauen wir und solange wir misstrauen, stärken wir die Macht des Dämons.

Aber was können wir dann tun, wenn der Dämon unbesiegbar ist, fragen wir uns verzweifelt. Wir können es doch nicht so lassen. Und da kommt uns eine verrückte, eine geradezu absurde Idee: Wir könnten beginnen dem Dämon zu vertrauen.

Denn wenn wir wirklich darauf vertrauen, dass in diesem Dämon eigentlich etwas Gutes steckt und dass er uns nichts Böses will, dann können wir aufhören ihn bekämpfen und kontrollieren zu wollen und stattdessen beginnen uns für ihn zu interessieren und ihm Aufmerksamkeit zu schenken, um zu verstehen, was eigentlich mit ihm los ist. Denn so wie sich Misstrauen als Kontrolle zeigt, zeigt sich Vertrauen als Interesse. Und so wie Rumpelstilzchen, wird der Dämon seine Macht verlieren, wenn wir ihn benennen und wie ein Vampir wird sein Fluch überall dort zu Staub zerfallen, wo er ins Licht der Aufmerksamkeit kommt. Und dann wartet eine lange Arbeit auf uns. Denn dann geht es darum, jeden einzelnen vom Misstrauen vergifteten Baustein im Schulsystem, mit diesem Interesse zu begegnen und ihn so lange in liebevoller Aufmerksamkeit zu baden, bis sich das Misstrauen in ihm erlöst und in Vertrauen verwandelt hat. Denn so wie Misstrauen sich vermehrt, vermehrt sich auch Vertrauen. Und dann werden wir vielleicht bei dieser Arbeit zu lernen, dass kein einziger der Lehrer, Schulleiter, Schulamtsbeamter, Kultusminister oder Eltern unser Feind ist. Dass keiner von ihnen jemals absichtlich etwas Böses getan hat, sondern dass alle jederzeit ihr Bestes geben. Und wenn wir diese Haltung zunehmend verinnerlichen, dann können wir aufhören gegen jemanden zu kämpfen und beginnen mit allen zusammen zu arbeiten. Und wenn wenn wir gegen niemanden kämpfen, dann hat der Dämon auch keine Macht und dann können wir beginnen das Gebäude neu zu gestalten.

Doch auch hier müssen wir wieder aufpassen. Denn wenn wir zwanghaft versuchen liebevolle Aufmerksamkeit zu schenken, wo eigentlich die Wut in uns brodelt, dann haben wir den Kampf nur nach innen verlagert. Dann misstrauen wir unserem Misstrauen und kontrollieren uns, damit wir nicht kontrollieren. Darum gilt es auch für uns selbst, die Wut in uns nicht zu bekämpfen, sondern auch ihr mit liebevoller Aufmerksamkeit zu begegnen. Dann entsteht eine liebevolle Wut und vielleicht ist das die Kraft, mit der wir dem Dämon begegnen können.

Vielleicht können wir mit einer solchen liebevollen Wut die schrecklichen und absurden Folgen des Misstrauens in all den Strukturen und Gewohnheiten aufzeigen und die Sehnsucht nach einer Welt des Vertrauens wecken. Vielleicht macht es Sinn auf beinahe verrückte Weise vertrauensvoll zu sein und so sehr das eigentlich offensichtlich Vernünftige, von dem in all der Absurdität keiner mehr glaubt, dass es geht, mit einer solchen Naivität und Ehrlichkeit zu machen, dass niemand widerspricht und es uns wie Schuppen von den Augen fällt.

Wenn Kreativität so wichtig ist, dann müssten sich doch alle freuen, wenn wir beginnen kreativ zu werden. Wenn es darum geht Schüler zur Selbstbestimmung zu erziehen, dann werden sie wahrscheinlich von allen Seiten Akzeptanz erfahren, wenn sie anfangen selber zu bestimmen, auch wenn diese Selbstbestimmung vielleicht bei dem ein oder andern schon etwas früher beginnt, als vorgesehen. Und wenn die Erziehung zur Demokratie in fast allen Bundesländern das oberste Ziel der Schule ist, dann werden wir mit ziemlicher Sicherheit die volle Unterstützung erhalten, wenn wir beginnen in allen entscheidenden Belangen mitzubestimmen und die Schulen nach demokratischen Prinzipien umzugestalten.

Wir wollen es für den Anfang nicht übertreiben. Beginnen wir mit einem kleinem Schritt. Was würde zum Beispiel passieren, wenn Schüler die Vision eines selbstbestimmten Lernortes, an dem sie sich freiwillig und auf selbstgewählte Weise mit sinnvollen, drängenden und lebendigen Fragen auseinandersetzen, einfach mal für zwei Wochen umsetzen? Und das Ganze selbstverständlich (denn wer würde den Schülern noch mehr Arbeit auflasten wollen), während der Schulzeit.

Prof. Dr. Gerald Hüther spricht über unser Schulsystem

Der gesamte Vortrag ist sehens- bzw. hörenswert. Gedanken zu unserem staatlichen Schulsystem folgen ab Minute 35:19.

Am Besten ist, dass die Lösung fast all unser Probleme einfach ist: Menschen können andere Menschen als Subjekte betrachten und behandeln und nicht länger als Objekte ♥